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Musik beim Laufen – Bremse oder Taktgeber?

Zur Abwechslung mal was „Altes“, auch wenn das Thema immer noch aktuell ist. Dieser Artikel von mir ist ursprünglich erschienen in „Running – Das Laufmagazin“ im Heft 1/2011. Später wurde er auch auf achim-achilles.de veröffentlicht. Durchaus interessant für jeden Läufer, der glaubt nicht ohne Musik zu können.

Viele Läufer können sich ein Training ohne Musik überhaupt nicht mehr vorstellen. Der MP3-Player gehört für sie so selbstverständlich zum Sport dazu wie ihre Laufschuhe. Auch viele Sportartikel- und Technologiehersteller haben längst auf diese Vorliebe ihrer laufenden Kundschaft reagiert. Grund genug, einmal der Frage nachzugehen, wie sinnvoll Musik hören beim Laufen überhaupt ist.

Musik hören als Doping?

Der „Dopingfall“ Jennifer Goebel war im Oktober 2009 auch vielen deutschen Zeitungen eine Meldung wert. Zu kurios war das Vergehen der US-amerikanischen Läuferin. Goebel wurde der Sieg beim Lakefront Marathon, einer eher kleinen Laufveranstaltung im US-Bundesstaat Wisconsin, wegen „Musik-Dopings“ aberkannt. Sie hatte zwischen Meile 19 und 21 ihren iPod eingeschaltet. Damit beging Goebel einen Verstoß gegen das Reglement des US-Leichtathletikverbandes. In den USA scheint man also an den leistungssteigernden Effekt von Musik zu glauben. Wobei bis heute nicht geklärt ist, ob Musik einen Sportler auch tatsächlich schneller macht.

Bereits 1995, also viele Jahre vor der Einführung des iPod und anderer MP3-Player, hat sich erstmals ein Forscherteam der University of North Carolina diesem Thema gewidmet. Die Studie war mit 16 Probanden nicht gerade repräsentativ, zeigte aber einen bemerkenswerten Trend: Die schwächeren Läufer hielten bei hoher Intensität länger durch, wenn sie antreibende Musik hörten.

Bei den stärkeren Läufern hatte die Musik dagegen keinen messbaren Einfluss auf die Leistung. Viele von ihnen fühlten sich sogar von ihr gestört. Mehrere internationale Studien bestätigten seitdem diesen Eindruck. Tenor: Je schlechter der Trainingszustand des Läufers, desto mehr kann Musik bewirken.

Was Musik im Gehirn bewirkt

Führt man sich vor Augen, welche Hirnregionen Musik anspricht, erscheint das durchaus logisch: Diese sind die Amygdala (gewissermaßen die Verarbeitungsstation für externe Impulse), der Thalamus, der alle Sinneswahrnehmungen verarbeitet, und das Belohnungszentrum. Allerdings ist auch das Stirnhirn involviert, welches unsere Motorik steuert.

Und genau hier könnte der Grund liegen, warum weniger gut trainierte Läufer sich von antreibender Musik mitreißen lassen. Musik verleiht nämlich nicht nur ein gutes Gefühl und motiviert so in schweren Phasen, sondern lenkt auch von der Körperwahrnehmung ab. So kann es passieren, dass ein schwächerer Läufer dem schnellen Rhythmus der Musik folgt und für einige Zeit über seine Verhältnisse läuft. In manchen Situationen kann das hilfreich sein.

Anders sieht es aus, wenn man beispielsweise einen gezielten Formaufbau betreiben möchte.
Was bewirkt Musik nun bei besser trainierten Läufern? Fakt ist, dass vor allem leistungsorientierte Läufer häufig auf den MP3-Player verzichten. Für sie steht in der Regel auch im Training die Kontrolle der Herzfrequenz und der Lauftechnik im Vordergrund. Musikalische Ablenkung macht für sie nur dann Sinn, wenn der Kopf und die Beine Probleme bereiten.

Studie: Kann man Leistung durch Musik steuern?

Durchaus interessante Ergebnisse für ambitioniertere Läufer haben Wissenschaftler der Londoner Brunel University im Jahr 2008 geliefert. Bei ihrer Studie gab es zwar nur einen Probanden, doch um den kümmerte sich das Forscherteam besonders intensiv. Joe, ein ambitionierter Hobbyläufer, hatte bis dato mehrere Marathons im Bereich von 3 Stunden gefinisht. An der Marke von 2:45 Stunden war er jedoch mehrfach gescheitert.

Joe setzte im Wettkampf einen MP3-Player mit seinen Lieblingsliedern ein, um sich abzulenken und um seine Nervosität in den Griff zu bekommen. Doch dieser Plan ging nie auf. Joe ging die Rennen stets zu schnell an. Die Brunel-Wissenschaftler machten den „Schuldigen“ schnell aus: Joe hatte die Lieder in zufälliger Reihenfolge abgespielt. Damit es beim nächsten Marathon besser klappt, sollte Joe seine Lieblingslieder auf einer emotionalen Skala bewerten.

Anhand dieser Ergebnisse stellten die Wissenschaftler dann eine Playlist zusammen. Am Anfang standen zwei Lieder, die ihn emotional kaum berührten. Dann folgten drei Titel, die Joe pushten, ehe wieder zwei weniger emotionale Songs folgten und so weiter. Nachdem die Reihenfolge der Lieder überarbeitet war, glich die Playlist einer Achterbahn aus entspannender und anregender Musik – mit dem Ergebnis, dass Joe bei seinem nächsten Marathon unter 2:45 Stunden blieb.

Joes Fall ist natürlich sehr individuell – unabhängig davon, dass er wissenschaftlich betreut wurde. Sein Beispiel zeigt aber, dass Musik unter gewissen Voraussetzungen leistungsfördernd sein kann. Allerdings sind viele Variablen zu beachten. Angesichts von Songauswahl, Trainingsziel, Lautstärke, Tempo, Rhythmus und persönlicher Vorlieben muss man sich vermutlich keine Sorgen machen, über ein flächendeckendes „Musik-Doping“ im Laufsport. Zumindest nicht, bis ein Technologiehersteller ein Gerät entwickelt, das wirklich jeden Läufer schneller macht. Und bis es so weit ist, sollten vielleicht auch Gelegenheitsläufer den MP3-Player mal weglassen. Denn auch die Natur kreiert ihren eigenen Sound.