Tag Archiv für Kompression

Schützen Kompressionsstrümpfe Läufer vor Krampfadern?

Kompression beim Laufen; Bildquelle: Marco Heibel
Vor wenigen Tagen hat mich eine Email eines Mediziners erreicht, der Kritik an einem meiner Artikel zur Kompression im Laufsport äußerte. Hier seine Kritik und seine Anmerkungen im Wortlaut.

Als Reaktion auf meinen Artikel „Was bringt Kompression beim Laufen? – Der aktuelle Stand der Forschung“ vom 12. Oktober 2010 wurde ich vergangene Woche von einem Mediziner angeschrieben. Seine Kritik lautete, dass meine Aussage, wonach Kompressionsstrümpfe Krampfadern vorbeugen können, unzutreffend sei. Da ich bei meinen Artikeln stets große Sorgfalt walten lasse, aber vor Fehlern nicht gefeit bin, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. Hier ist die Antwort des Experten im Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Heibel,

ich glaube, es gibt mehrere Dinge, die man bedenken bzw. voneinander trennen sollte:

1. Der Unterschenkelkompressionsstrumpf oder auch die „Kompressionssocke“ mit leichter Kompressionsstärke etwa 18-23 mm Hg entsprechend der Kompressionsklasse 1 scheint sich im Marathon bzw. Langstreckenlauf durchzusetzen. Dies basiert aktuell noch mehr auf Erfahrungsberichten, weniger auf sportmedizinischen Studien. Aber was hilft, setzt sich durch. Es gibt auch Untersuchungen darüber, dass sich bei extremen Laufsportarten, z.B. Ultramarathon häufiger Muskelvenenthrombosen ereignen (durch Mikrotrauma oder Flüssigkeitsmangel). Diese Überlastungsthrombosen sind eigentlich aus der Wehrmedizin bekannt, z.B. nach langen Fußmärschen („Thrombose par effort“) mit schwerem Gepäck. Da ist natürlich ein Strumpf vorbeugend hilfreich. Andererseits sieht man daran, dass dieser Sport nicht mehr „nur“ gesund ist, sondern die Gesundheitsrisiken zunehmen. Insgesamt kann man durchaus zu einer solchen Kompression raten, sie ist aber nicht zwingend erforderlich und hängt mehr von der individuellen Verträglichkeit ab.

2. Moderater (Breiten-)Laufsport, aber auch intensives Langstreckentraining, kann bei Venengesunden keine Krampfaderbildung durch die vermehrte Blutzirkulation hervorrufen. Insofern ist auch keine spezielle Vorbeugung (z.B. in Form eines Kompressionsstrumpfes) diesbezüglich erforderlich. Laufsport verursacht keine Krampfadern.

3. Grundsätzlich können (und sollten) Patienten mit Krampfadern genau wie Venengesunde Ausdauersport betreiben. Hier kommen die Vorzüge des Laufsports für den Venenpatienten erst recht zum Tragen. Bei sehr ausgeprägtem Befund ist sicher ein leichter Unterschenkelstrumpf zu empfehlen.

4. Nochmals vom Krampfaderleiden zu unterscheiden sind Patienten mit stattgehabter Thrombose. Hier können die tiefen Venen beschädigt sein und im Extremfall der Rücktransport des Blutes auch beim Laufsport merklich behindert sein, sodass es beim Laufen zu Stauungsbeschwerden kommen kann. Nach Thrombosen würde ich zu einer gefäßmedizinischen bzw. phlebologischen (Venenheilkunde) Untersuchung raten. Hier sollte nicht ohne Strumpf gelaufen werden. Für den Sport muss ausgetestet werde, ob ein Klasse I oder Klasse II-Strumpf (23- 32 mm Hg) notwendig ist. Ein Lauftraining mit Blutverdünnung (Marcumar) ist problemlos möglich. Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko sollten dann aber gemieden werden. Muskelrisse können zu stärkeren Einblutungen führen.“

Dr. Reinald Zinn, Facharzt für Chirurgie- Gefäßchirurgie- Phlebologie- und Rettungsmedizin aus Jever

Was bringt Kompression beim Laufen? – Der aktuelle Stand der Forschung

Kompression im Breitensport; Bildquelle: Marco Heibel
Das Thema Kompressionsbekleidung im Sport ist zwar noch recht jung, aber trotzdem schon ein Evergreen. Und das, obwohl (oder gerade weil) die Sportwissenschaft bis heute kaum allgemeingültige Erkenntnisse gewinnen konnte. Zumindest zeichnen sich Trends ab. Ich bringe Euch auf den aktuellen Stand der Forschung.

Sind Jahren schon sind Kompressionsstrümpfe, -tights und -tops die absoluten Verkaufsschlager unter Läufern. Kein Wunder, versprechen die Hersteller doch eine bessere Leistung und eine schnellere Regeneration. Das ist keineswegs gelogen, aber doch arg pauschalisiert.

Vorsicht vor Studien zur Kompression

Die bisherigen Studien zum Nutzen von Kompressionsbekleidung sind nur bedingt vergleichbar: Mal ging es um Ganzkörperkompression, mal nur um die Unterschenkel. Mal lag die Intensität im Regenerationsbereich, mal an der Belastungsgrenze. Ganz zu schweigen davon, dass die Testpersonen mal Untrainierte und mal Leistungssportler waren.

Wenn also eine einzelne Untersuchung den Nutzen XY bewiesen hat, dann sollte man ihn auch nur unter den gegeben Voraussetzungen anerkennen. Das gilt so lange, bis dieser Nutzen von einer anderen Studie unter (minimal) veränderten Voraussetzungen bestätigt wird. Daraus lassen sich dann Trends ableiten, wie die folgenden.

Gesicherte Erkenntnisse zur Kompression

– Nur in wenigen Aspekten ist sich die Wissenschaft einig; etwa darin, dass Kompression den venösen Rückstrom verbessert. Davon profitieren allerdings in nennenswerter Form nur Menschen mit einem Venenleiden oder einer Bindegewebsschwäche. Nicht von ungefähr werden seit Jahrzehnten Kompressionsstrümpfe in Krankenhäusern zur Thrombose-Prävention eingesetzt.

– Für Läufer ohne ein solches Handycap ist da schon interessanter, dass Bein-Kompression Krampfadern vorbeugen kann. Diese entstehen, wenn die inneren Leitvenen mit dem Rücktransport des Blutes überfordert sind. Gewissermaßen als Notlösung wird das Blut dann über die oberflächlichen Venen umgeleitet, was die Krampfaderbildung begünstigt. Durch Druck auf das Unterhautvenensystem von außen ist das Blut dagegen gezwungen, den Weg durch die inneren Leitvenen zu nehmen. Krampfadern haben so kaum eine Chance.

– Kompressionsbekleidung verringert Muskelvibrationen. Ein Fakt, der zum Beispiel Basketballern beim Wurf auf den Korb Vorteile bringen kann.

– Weitgehende Einigkeit besteht auch darin, dass Kompressionsstrümpfe das Sprunggelenk stützen und durch die größere Wärmeentfaltung gegenüber normalen Laufsocken Muskel-, Sehnen-, Bänder- und Gelenkbeschwerden vorbeugen können.

– Wie groß der psychologische Effekt auf den Träger ist, ist noch offen. Dass Träger die an den Zweck von Kompressionsbekleidung glauben, zumindest ein besseres Körpergefühl haben, ist jedoch unumstritten.

– Last but not least gilt mittlerweile als gesichert, dass weniger gut trainierte Sportler mehr von Kompressionsbekleidung profitieren als Leistungssportler.

Kompression: Leistungssteigerung nur aufgrund von weniger Schmerzen?

Wie sieht es nun mit den wichtigsten (Kauf-)Argumenten für einen Sportler aus? Was bewirkt Kompressionsbekleidung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und der Regeneration? Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln aus dem April 2010, die einen relativ breiten Ansatz gewählt hat, bricht nicht gerade eine Lanze für die Kompressionsbekleidung. Bei der Untersuchung wurden 15 trainierte Ausdauersportler submaximal und maximal belastet. Hierbei liefen sie mit Ganzkörper-, Unterkörper-, Unterschenkelkompression und ganz ohne Kompression. Leistungsunterschiede waren nicht festzustellen. Die Forscher vermuten, dass sich Kompression allenfalls bei Langdistanz-Triathlons oder Ultraläufen bezahlt macht, weil sie die Schmerzen der Athleten verringern könnte.

Der Einfluss von Kompression auf die Regeneration spielte bei dieser Untersuchung der DSHS keine Rolle. Interessant ist jedoch ein Einwurf von Studienleiter Dr. Billy Sperlich, wonach eine beschleunigte Regeneration auch von Nachteil sein könne, etwa wenn man den Muskelaufbau anregen möchte. Dann wären nämlich Marker im Blut (Laktat, Anschwellen der Muskeln etc.) essentiell.

Überhaupt, die Regeneration. Ausschließlich diesem Thema hat sich die University of Exeter im April 2010 angenommen. Untersucht wurde der Nutzen von Kompressionsbekleidung auf die gesamte untere Körperhälfte nach intensivem Sport. Als Probanden standen Leistungssportlerinnen aus verschiedenen Sportteams der Universität zur Verfügung. Das Ergebnis: Die Sportlerinnen, die Kompressionsbekleidung zur Regeneration getragen haben, fühlten sich am nächsten Tag weniger erschöpft und erzielten bei Maximalkraft- und Sprungtests die besseren Ergebnisse.

Nutzen von Kompression: Nichts genaues weiß man (noch) nicht

Um auf den Titel des Artikels zurückzukommen, steht immer noch in Frage, ob man wirklich schneller, ausdauernder und besser durch Kompressionsbekleidung wird. Mit Sicherheit macht sie Dich nicht langsamer. Und mit großer Wahrscheinlichkeit kann sie die Regeneration fördern. Zumindest gibt es keinen Grund, nicht in Kompressionsbekleidung zu sporteln. Von optischen und finanziellen Aspekten einmal abgesehen.

Kompression: Flächig, partiell oder ganz überflüssig?

Kompression; Bildquelle: Christian Riedel
Kompression ist seit geraumer Zeit der Modebegriff schlechthin im Laufsport. Ob es sich um Kompressionsstrümpfe, Hosen oder Oberteile mit Kompression handelt, alles verkauft sich. Doch welche Form der Kompression ist beim Laufen die beste: flächig oder partiell? Oder läuft es sich immer noch am besten „Old School“ in knöchelhohen Laufsocken?

Zumindest bei den Kompressionsstrümpfen – die optisch nach wie vor Geschmackssache sind – haben sich mittlerweile zwei gegensätzliche Philosophien auf dem Markt positioniert: auf der einen Seite die flächige Kompression (vertreten u.a. durch die Hersteller cep und 2XU), auf der anderen Seite die der partiellen Kompression (vertreten u.a. durch X-Bionic).

Flächige Kompression: Widersprüchliche Studienlage

Bei der flächigen Kompression wird die gesamte Wade einem konstanten Druck ausgesetzt. Hierdurch verspricht man sich u.a. eine Stützung der Muskulatur, einen verbesserten Sauerstofftransport und eine beschleunigte Regeneration.

Studien der Universität Erlangen-Nürnberg und der TU Dresden haben die oben beschriebenen Effekte auch tatsächlich nachgewiesen. Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln wiederum ist zu dem Ergebnis gekommen, dass flächige Kompression beim Sport einen Athleten keineswegs schneller mache. Im Gegenteil: Der Druck würde die Blutzufuhr sogar abschnüren.

Und in der Tat verzichten viele Profi-Ausdauerathleten auf das Tragen von Kompressionsbekleidung im Wettkampf. Insbesondere Triathleten führen hierbei zeitliche Gründe an: Es würde beim Wechsel vom Rad auf die Laufstrecke einfach viel zu lange dauern, sich die Kompressionsstrümpfe anzuziehen.

Bei der Regeneration sieht es dagegen anders aus. Hier setzen viele Sportler auf Kompressionsbekleidung, weil sie glauben, dass diese die Durchblutung nach der Belastung fördert und sie so früher wieder belasten können. Hier ist der positive Effekt nicht von der Hand zu weisen. Immerhin kommt in Krankenhäusern schon seit vielen Jahrzehnten flächige Kompression zum Einsatz (Stichwort: Thrombosestrümpfe), um die Durchblutung zu fördern.

Partielle Kompression: Schweiß ist Trumpf

Bei der partiellen Kompression werden dagegen viele, nur wenige Quadratmillimeter große Bereiche der Wade komprimiert. Das soll die Thermoregulation verbessern und somit den Athleten leistungsfähiger werden.

Denn in der Tat ist der Mensch bei einer Körpertemperatur von 37°C am leistungsfähigsten. Bei jedem Zehntelgrad mehr oder weniger muss der Körper Energie zur Thermoregulation aufwenden, die dann nicht mehr zur Leistungserhaltung zur Verfügung steht. Dem entsprechend sollte es das Ziel eines jeden Sportlers sein, die Körpertemperatur stets im Bereich von 37°C zu halten.

Hierfür ist bei Hitze eigentlich das Schwitzen zuständig. Steigt die Körpertemperatur zu sehr an, kühlt der Schweiß sie wieder herunter. Durch das Tragen von Kleidung wird dieser Effekt jedoch oft verringert.

An diesem Punkt setzen X-Bionic & Co. an. Partielle Kompression an der Wade funktioniert im Grunde nach dem Prinzip des guten alten Wadenwickels. Dieser wurde schon von unseren Großeltern zur Senkung der Körpertemperatur eingesetzt, wenn wir Fieber hatten. Dementsprechend ist Kleidung mit partieller Kompression so konzipiert, das der Schweiß nicht so schnell wie möglich abgegeben wird. Vielmehr verbleibt ein leichter Schweißfilm auf der Haut, der die Temperatur im optimalen Bereich halten soll.

Meine Einschätzung zum Laufen mit Kompressionsstrümpfen

Ich selber habe bereits Kompressionsstrümpfe beider Gattungen (flächig und partiell) ausprobiert. Ebenso bin ich natürlich auch „klassisch“ ganz ohne Kompression an der Wade gelaufen – und zwar bevorzugt. Während der Belastung selber habe ich nämlich auch auf lange Sicht keinen zählbaren Zugewinn durch Kompressionssocken gegenüber herkömmlichen Laufsocken, die knapp über dem Knöchel abschließen, erfahren.

Gerade bei hohen Temperaturen erwiesen sich jedoch Strümpfe mit partieller Kompression als besonders angenehm beim Tragen – sogar angenehmer als kurze Laufsocken, bei denen der Schweiß häufig unangenehm an den Beinen herunterläuft. Das passiert natürlich vor allem dann, wenn man stehen bleiben muss, zum Beispiel an Ampeln.

In der Regeneration habe ich dagegen keinen Unterschied zwischen flächiger und partieller Kompression feststellen können. Für meinen Geschmack beschleunigen beide die Regeneration.

Noch widersprechen sich viele Studien zum Thema Kompression. Bis man ein sicheres Urteil über den Sinn und Unsinn bzw. die „richtige“ Form der Kompression fällen wird, werden sicherlich noch ein paar Jahre vergehen. Ich persönlich bin nach wie vor der Ansicht, dass ein strukturiertes und abwechslungsreiches Training den größten Beitrag zu einer guten Performance leistet. Allerdings kann einem ein gutes (Trage-)Gefühl auch einen Vorteil verschaffen; und wenn es “nur“ ein psychologischer ist.