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Kompression: Flächig, partiell oder ganz überflüssig?

Kompression; Bildquelle: Christian Riedel
Kompression ist seit geraumer Zeit der Modebegriff schlechthin im Laufsport. Ob es sich um Kompressionsstrümpfe, Hosen oder Oberteile mit Kompression handelt, alles verkauft sich. Doch welche Form der Kompression ist beim Laufen die beste: flächig oder partiell? Oder läuft es sich immer noch am besten „Old School“ in knöchelhohen Laufsocken?

Zumindest bei den Kompressionsstrümpfen – die optisch nach wie vor Geschmackssache sind – haben sich mittlerweile zwei gegensätzliche Philosophien auf dem Markt positioniert: auf der einen Seite die flächige Kompression (vertreten u.a. durch die Hersteller cep und 2XU), auf der anderen Seite die der partiellen Kompression (vertreten u.a. durch X-Bionic).

Flächige Kompression: Widersprüchliche Studienlage

Bei der flächigen Kompression wird die gesamte Wade einem konstanten Druck ausgesetzt. Hierdurch verspricht man sich u.a. eine Stützung der Muskulatur, einen verbesserten Sauerstofftransport und eine beschleunigte Regeneration.

Studien der Universität Erlangen-Nürnberg und der TU Dresden haben die oben beschriebenen Effekte auch tatsächlich nachgewiesen. Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln wiederum ist zu dem Ergebnis gekommen, dass flächige Kompression beim Sport einen Athleten keineswegs schneller mache. Im Gegenteil: Der Druck würde die Blutzufuhr sogar abschnüren.

Und in der Tat verzichten viele Profi-Ausdauerathleten auf das Tragen von Kompressionsbekleidung im Wettkampf. Insbesondere Triathleten führen hierbei zeitliche Gründe an: Es würde beim Wechsel vom Rad auf die Laufstrecke einfach viel zu lange dauern, sich die Kompressionsstrümpfe anzuziehen.

Bei der Regeneration sieht es dagegen anders aus. Hier setzen viele Sportler auf Kompressionsbekleidung, weil sie glauben, dass diese die Durchblutung nach der Belastung fördert und sie so früher wieder belasten können. Hier ist der positive Effekt nicht von der Hand zu weisen. Immerhin kommt in Krankenhäusern schon seit vielen Jahrzehnten flächige Kompression zum Einsatz (Stichwort: Thrombosestrümpfe), um die Durchblutung zu fördern.

Partielle Kompression: Schweiß ist Trumpf

Bei der partiellen Kompression werden dagegen viele, nur wenige Quadratmillimeter große Bereiche der Wade komprimiert. Das soll die Thermoregulation verbessern und somit den Athleten leistungsfähiger werden.

Denn in der Tat ist der Mensch bei einer Körpertemperatur von 37°C am leistungsfähigsten. Bei jedem Zehntelgrad mehr oder weniger muss der Körper Energie zur Thermoregulation aufwenden, die dann nicht mehr zur Leistungserhaltung zur Verfügung steht. Dem entsprechend sollte es das Ziel eines jeden Sportlers sein, die Körpertemperatur stets im Bereich von 37°C zu halten.

Hierfür ist bei Hitze eigentlich das Schwitzen zuständig. Steigt die Körpertemperatur zu sehr an, kühlt der Schweiß sie wieder herunter. Durch das Tragen von Kleidung wird dieser Effekt jedoch oft verringert.

An diesem Punkt setzen X-Bionic & Co. an. Partielle Kompression an der Wade funktioniert im Grunde nach dem Prinzip des guten alten Wadenwickels. Dieser wurde schon von unseren Großeltern zur Senkung der Körpertemperatur eingesetzt, wenn wir Fieber hatten. Dementsprechend ist Kleidung mit partieller Kompression so konzipiert, das der Schweiß nicht so schnell wie möglich abgegeben wird. Vielmehr verbleibt ein leichter Schweißfilm auf der Haut, der die Temperatur im optimalen Bereich halten soll.

Meine Einschätzung zum Laufen mit Kompressionsstrümpfen

Ich selber habe bereits Kompressionsstrümpfe beider Gattungen (flächig und partiell) ausprobiert. Ebenso bin ich natürlich auch „klassisch“ ganz ohne Kompression an der Wade gelaufen – und zwar bevorzugt. Während der Belastung selber habe ich nämlich auch auf lange Sicht keinen zählbaren Zugewinn durch Kompressionssocken gegenüber herkömmlichen Laufsocken, die knapp über dem Knöchel abschließen, erfahren.

Gerade bei hohen Temperaturen erwiesen sich jedoch Strümpfe mit partieller Kompression als besonders angenehm beim Tragen – sogar angenehmer als kurze Laufsocken, bei denen der Schweiß häufig unangenehm an den Beinen herunterläuft. Das passiert natürlich vor allem dann, wenn man stehen bleiben muss, zum Beispiel an Ampeln.

In der Regeneration habe ich dagegen keinen Unterschied zwischen flächiger und partieller Kompression feststellen können. Für meinen Geschmack beschleunigen beide die Regeneration.

Noch widersprechen sich viele Studien zum Thema Kompression. Bis man ein sicheres Urteil über den Sinn und Unsinn bzw. die „richtige“ Form der Kompression fällen wird, werden sicherlich noch ein paar Jahre vergehen. Ich persönlich bin nach wie vor der Ansicht, dass ein strukturiertes und abwechslungsreiches Training den größten Beitrag zu einer guten Performance leistet. Allerdings kann einem ein gutes (Trage-)Gefühl auch einen Vorteil verschaffen; und wenn es “nur“ ein psychologischer ist.

Kompressionssocken von cep im Produkttest

Weltklasse-Hochspringerin Ariane Friedrich schwört ebenso auf Kompressionssocken wie Ironman-Europameister Timo Bracht und Marathon-Läuferin Sabrina Mockenhaupt. Ich habe habe den Produkttest gemacht. Was ist dran an den Kompressionssocken?

Kompressionstrümpfe kennt man seit Langem aus der Medizin, wo sie zur Behandlung von Gefäßkrankheiten eingesetzt werden. Diese therapeutische Variante und die neuerdings im Sport eingesetzten Kompressionssocken funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Die Wade wird einem leichten konstanten Druck ausgesetzt, wodurch die Muskulatur gestützt und auch der Rückstrom des sauerstoffarmen venösen Blutes verbessert wird. Weiterhin können die Arterien mehr Sauerstoff in die Wadenmuskulatur transportieren.

Testobjekt: cep running O2 compression sportsocks

Vor allem bei Ausdauerwettkämpfen sieht man mittlerweile immer mehr Sportler mit Kompressionssocken. Ob das kniehohe Beinkleid optisch nun ein Volltreffer ist, liegt wohl im Auge des Betrachters. Nichtsdestotrotz wurde ich neugierig. Nach dem Motto „Wenn so viele Sportler diese Socken tragen, muss da ja wohl was dran sein“, wollte ich es genauer wissen und habe mir bei cep, dem Weltmarktführer im Bereich Kompressionssportkleidung, ein Paar besorgt.

Bemerkenswert: Im Gegensatz zu normalen Sportsocken entscheidet bei den Kompressionssocken nicht die Schuhgröße, sondern der Wadenumfang an der stärksten Stelle darüber, ob die Socken passen. Logisch, sitzen sie an der Wade zu eng oder zu weit, behindern sie einen und üben entweder zu viel oder zu wenig Druck auf die Wade aus.

Studien bestätigen positiven Effekt von Kompressionssocken

Dann war die Lieferung da. Der Text auf der Packung verspricht Einiges: eine um bis zu 40 Prozent verbesserte arterielle Durchblutung bei großer Belastung, eine verbesserte Sauerstoffversorgung der Muskulatur, eine Leistungssteigerung um bis zu 5 Prozent, eine beschleunigte Regeneration, verbesserte Stabilisierung von Sehnen und Gelenken und noch vieles mehr.

Das hört sich fast (zu) märchenhaft an, um wahr zu sein. Doch an diesen Verheißungen ist durchaus etwas dran, wie die Ergebnisse von zwei Studien der Universität Erlangen-Nürnberg (2002) und der TU Dresden (2005) belegen. Mehr dazu im weiteren Verlauf.

Erster Eindruck und Tragekomfort

Soviel zu den Fakten. Nun wollte ich die Socken selber mal testen. Los ging es naturgemäß mit dem Anziehen, was sich – nicht gerade überraschend – als zeitintensiv erwies. Nach knapp drei Minuten war ich in den engen Socken drin. Nun kann ich mir im Kleinen in etwa vorstellen, was ein Schwimmer empfinden muss, wenn er sich in einen der modernen Schwimm-Anzüge zwängt.

Was den Tragekomfort angeht, war ich jedoch positiv überrascht. Natürlich spürt man sofort einen leichten Druck auf der Wade, aber keineswegs unangenehmer Art. Ansonsten saßen die Socken fast perfekt: keine Falten, angenehm weiche Fußsohle. Soviel zum ersten Eindruck, aber entscheidender als der Tragekomfort ist, was der Socken kann.

Test: Zweimal die gleiche Strecke, zweimal die gleiche Vorgabe

Bei der bereits erwähnten Erlanger Studie haben 21 Testpersonen (allesamt Hobbyläufer unterschiedlichen Niveaus) im Abstand von etwas mehr als 48 Stunden zwei Stufentests auf dem Laufband absolviert; einen mit, einen ohne Kompressionssocken. Gradmesser waren, neben dem subjektiven Erschöpfungsgrad des Einzelnen, eine Laktatmessung und eine Spiroergometrie. Das Ergebnis: Im Schnitt konnten die Probanden mit den cep-Kompressionssocken u.a. den Stufentest fünf Minuten länger durchhalten und ihre maximale Sauerstoffaufnahmekapazität (VO2max) um 3 Prozent steigern.

Ich selbst hatte diese Bedingungen nicht zur Verfügung, wollte meinen Produkttest aber so ähnlich wie möglich gestalten. Also bin ich an zwei Tagen (freitags abends mit normalen Laufsocken und sonntags abends mit den Kompressionssocken) zweimal die gleiche Strecke (Länge: 13 Kilometer) mit der gleichen Intensität (7 mal 1 Kilometer im Bereich von 175-180 Schlägen pro Minute, dazwischen je 4 Minuten traben) gelaufen.

Resultat: 4 Minuten auf 15 Kilometern eingespart

Das Resultat: Beim sonntäglichen Lauf mit Kompressionssocken konnte ich meine Zeit vom Freitag um fast 4 Minuten unterbieten. Nun weiß man, dass die Psyche einen gewissen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hat, und die Tagesform nach einem langen Arbeitstag wahrscheinlich schlechter ist als am Wochenende; aber ich war schon etwas überrascht. Schließlich sind vier Minuten bei vergleichbaren Bedingungen nicht wenig. Zudem lag meine durchschnittliche Herzfrequenz, inklusive Trabpausen, sonntags nur einen Schlag über der vom Freitag.

Meine Erkenntnisse

Abgesehen von der Endzeit, konnte ich allerdings nur geringfügige Unterschiede zu normalen Laufsocken ausmachen. Der Tragekomfort war, wie versprochen, hoch: Kein Rutschen, gute Belüftung während des Laufes, fast schweißtrockene Socken nach dem Lauf. Zur Blasenbildung kam es ebenfalls nicht. Doch damit habe ich sowieso nur selten Probleme.

Was allerdings die Regeneration angeht, konnte ich keine nennenswerten Unterschiede feststellen. Ich bin bei beiden Läufen während der Intervalle an meine Leistungsgrenze gegangen, konnte jedoch nach der Einheit mit den Kompressionssocken keine beschleunigte Regeneration ausmachen.

Fazit: Interessant für ambitionierte Läufer, teurer Spaß für Immer-mal-wieder-Läufer

Mein Fazit fällt insgesamt positiv aus: Wer häufig intensive und lange Läufe macht, kann schon von Kompressionssocken profitieren – und wenn nur der Glaube daran einen schneller macht. Unbestritten ist der hohe Tragekomfort. Dieser Socken fühlt sich einfach gut an, wenn man ihn trägt.

Allerdings haben die cep running O2 compression sportsocks mit 46,90 Euro ihren Preis. Wer dreimal, viermal oder vielleicht noch häufiger pro Woche läuft und Wettkampfambitionen hat, wird sicherlich bereit sein, so viel Geld für Funktionskleidung zu investieren. Für Gelegenheitsläufer würde sich diese Anschaffung wohl nur bedingt lohnen.

Aufpassen solltet Ihr beim Kauf: Die Socken sind dünner als „normale“ Laufsocken. Dementsprechend könnte Euer Laufschuh beim nächsten Tragen gefühlt größer geworden sein….

Generell wäre es wohl vermessen, von diesen Socken Wunderdinge zu verlangen. Sie mögen Ihren Effekt haben, doch letztlich macht ein guter oder schlechter Trainingszustand mehr aus als ein gutes oder schlechtes Paar Socken.

Dieser Artikel von mir ist am 27.7.2009 auf netzathleten.de veröffentlicht worden